Stille

Liebe Sucher, liebe Schwestern und Brüder, ich möchte eine sehr kurze Rede über Stille halten. Daher möchte ich, mit Ihrer freundlichen Erlaubnis, für ein paar Minuten in Stille verweilen.

(Sri Chinmoy meditiert kurz mit den Zuhörern.)

Das Leben braucht und will den Sieg, aber der Sieg, den wir in der Welt des Klangs erringen, hält nicht sehr lange an. Dieser Sieg ist sehr kurzlebig. Der Sieg, den wir in der Welt der Stille erlangen, ist ewig, und jedes Mal, wenn sich ein Sieg in der inneren Welt anbahnt, fühlen wir, dass wir für einen höheren und noch erfüllenderen Sieg der morgigen Dämmerung vorbereitet werden.

Ein gewöhnlicher Mensch denkt entweder, dass Stille nicht erlangt werden kann, oder dass sie keinerlei Nutzen hat. Ein Sucher jedoch weiß, daß Stille kraft der Intensität seines inneren Schreis erlangt werden kann. Er weiß außerdem, daß Stille von enormer Bedeutung ist, da wir ohne Stille weder das Gesicht der Wahrheit sehen, noch in das Ebenbild der Wahrheit und des Lichts hineinwachsen können. Die Stille ist im Innern, doch wir müssen sie entdecken. Solange wir nicht unsere innere Stille entdecken, können wir nicht fühlen, daß wir von Gott kommen und für Gott existieren. Innere Stille ist nicht nur die Abwesenheit von Gedanken. Nein! Stille ist das Erblühen unseres unbezwingbaren inneren Willens. Stille ist unser inneres Weisheits-Licht. Dieses Weisheits-Licht ist unsere bewusste und beständige Überantwortung an den Willen unseres inneren Führers, der uns inspiriert, uns ermutigt und uns an die Ufer des Goldenen Jenseits führt.

Stille ist Vorbereitung; unsere Vorbereitung auf Gottes Prüfung. Wir werden die Stunde Gottes nur dann erkennen können, wenn wir die Stille beobachten, nur wenn wir tief nach innen tauchen. Jemand, der nicht strebt, kann und wird Gottes Stunde nicht erkennen. Wenn Gottes Stunde in seinem Leben dämmert, wird er sie nicht bemerken. Ein Sucher jedoch, der sich jeden Tag eine halbe oder eine ganze Stunde in Stille übt, weiß, wann Gottes Stunde schlagen wird. Und Gott wird ihm nicht nur sagen, wann die Stunde schlägt, sondern er wird, wie ein Privatlehrer, dem Sucher auch helfen, die innere Prüfung zu bestehen.

Stille ist unser Schutz. Wenn wir in Stille leben, werden wir von Gottes mächtigster Kraft, Seinem alles-erleuchtenden Licht, beschützt. Zu diesem Zeitpunkt haben die negativen Kräfte von Furcht, Zweifel, Ängsten, Besorgnis, Unsicherheit und Selbstsucht keinen Zugang zu unserem inneren Wesen. Wir werden in jedem Augenblick von Gott im Inneren und im Äußeren beschützt.

Stille ist unsere Verwandlung. Wenn wir Stille bewusst beobachten, wird unser äußeres Wesen verwandelt. Diese Verwandlung ist eine bedeutende Errungenschaft für Mutter Erde. Wenn ein Mensch verwandelt wurde, fühlt Mutter Erde, daß sie etwas Bedeutendes erreicht hat, etwas, das in Ewigkeit für die übrige Menscheit bewahrt werden kann. Und diese Verwandlung bildet das Fundament für eine höhere und mächtigere Errungenschaft im ewig fortlaufenden Prozess der Evolution.

Stille ist unsere Willenskraft. Diese Willenskraft bezwingt den Stolz der Unwissenheits-Nacht in seinem Kern und manifstiert das Licht der göttlichen Glückseligkeit in strebenden Seelen, die bis zum höchsten Gipfel klettern und von dort die Botschaft der Unsterblichkeit zur Erde herabbringen wollen. Unser menschliches Denken sagt: „Stille ist Leere; sie ist reine Leere und reines Nichts.“ Doch unser strebendes Herz weiß, daß Stille die Fülle und der Reichtum der Höhe unserer Ewigkeit und des Lichts unserer Unendlichkeit ist.

AUM

Purnam adah purnam idam purnat purnam udacyate
Purnasya purnam adaya purnam evavasisyate

Unendlichkeit ist jenes.
Unendlichkeit ist dies.
Aus Unendlichkeit gelangte Unendlichkeit ins Dasein.
Wenn Unendlichkeit von Unendlichkeit fortgenommen wird, bleibt Unendlichkeit bestehen.

Dies ist die Botschaft, die wir aus der Stille erhalten. Weiter sagt uns die Seele, dass Stille Einssein ist, unser untrennbares Einssein, unser universelles Einssein mit dem höchsten Führer.

Stille ist unser Wahrheits-Bewusstsein, unsere höchste Wirklichkeit. In der inneren Welt ist diese Wirklichkeit unsere göttliche Liebe, unsere höchste Liebe für die Welt in ihrer Gesamtheit. Und in der äußeren welt ist diese Wirklichkeit der höchste Ruhm des Höchsten für die strebende Menschheit.

Wir sind hier alle Sucher. Manchmal neigen wir dazu, unsere Schwächen, Unfähigkeiten, Begrenzungen und Unvollkommenheiten zu betrachten. Wenn wir das tun, sind wir gezwungenermaßen enttäuscht von uns selbst. Aber unsere innere Stille erleuchtet uns. Sie sagt: „Sei nicht enttäuscht. Es ist Gott in dir, der eine Reihe von Erfahrungen in deinen und durch deine Unvollkommenheiten macht.“ Wenn wir Gott verwirklichen, sehen wir, daß diese Unvollkommenheiten zu dieser Zeit für unsere Entwicklung notwendig waren. Und dann, als sie nicht mehr notwendig waren, wurden diese Unvollkommenheiten in Vollkommenheiten verwandelt. Aus der Dunkelheit gehen wir ins Licht. Aus dem Unwirklichen gehen wir in die Wirklichkeit. Vom Tod gehen wir in die Unsterblichkeit.

Asato ma sad gamaya
Tamaso ma jyotir gamaya
Mrityor ma amritam gamaya

Führe mich vom Unwirklichen zum Wirklichen.
Führe mich aus der Dunkelheit ins Licht.
Führe mich vom Tod zur Unsterblichkeit.

Stille sagt dem Sucher in uns, er solle lieben, sich selbst lieben. Sie sagt ihm, dass es falsch ist, uns selbst wegen unserer Unvollkommenheiten zu hassen. Wenn der Sucher sich selbst liebt, das Göttliche in sich selbst liebt, verwirklicht er schließlich die Letzte Wahrheit. Dann gelangt er zu der Erkenntnis, daß nicht er es war, der das Göttliche in sich selbst geliebt hat, sondern es war Gott der Liebende, der Gott den ewigen Geliebten Höchsten in ihm geliebt hat.

Im Himmel ist Gott Stille-Traum. Auf Erden ist Gott Wirklichkeits-Klang. In Seiner Stille bereitet Gott sich vor. Durch Seinen kosmischen Klang manifestiert Gott Sich selbst. Die transzendentale Stille ist unsere Quelle, und der ausströmende Klang ist unsere Manifestation. Je höher wir gehen, umso tiefer die Stille, die wir genießen. Und je tiefer die Stille, die wir genießen, umso erfüllender die Manifestation unserer Göttlichkeit.


5. März 1974
Kansas City College of Ostheopathic Medicine
Kansas City, Kansas