Was ist Mystik?

Studieren Sie Mystik, wenn Sie wollen. Sie wird Ihrem Herzen Freude, Ihrem Verstand Inspiration und Ihrem Leben die wahre innere Sicherheit, die seelenvolle Erfüllung schenken. Aber versuchen Sie nicht, sie zu definieren. Versuchen Sie nicht, sie zu interpretieren. Wenn Sie versuchen, Mystik zu definieren, kann es Ihnen nur misslingen. Wenn Sie versuchen, die Mystik zu interpretieren, wird es Ihnen völlig misslingen.

Wir werden mit Erfahrungen beschenkt: Von der Wissenschaft erhalten wir wissenschaftliche Entdeckungen, von der Geschichte historische Enthüllungen, von der Philosophie philosophische Werte, von der Religion religiöse Lehrmeinungen. In diesen Erfahrungen sehen wir die Anwesenheit von Subjekt und Objekt, von Sein und Seiendem, von Schau und Wirklichkeit. Aber eine mystische Erfahrung ist unmittelbares Einssein und geht damit über solche Unterscheidungen weit hinaus. Diese Erfahrung ist das ständige Einssein mit dem Jenseits, dem ewig über sich selbst hinausströmenden Jenseits, das immer unbeschreiblich bleibt. Wenn die Mystik zu sehr vereinfacht und unterschätzt wird, kommt sie von ihrer ursprünglichen Sphäre herab und stellt sich neben die Religion. Aber selbst hier wird ein aufrichtiger Mensch erkennen, dass seine höchste religiöse Erfahrung nicht mehr als eine ungewisse, dunkle und schwache Wahrnehmung der Wahrheit ist, währenddem er die Intensität, die Unermesslichkeit und die Gewissheit der Wahrheit fühlen wird, gleich was für eine Art mystischer Erfahrung er macht.

Wir müssen auch lernen, dass religiöse Ekstase und mystische Ekstase in unserem inneren Leben nicht dieselbe Rolle spielen. Religiöse Ekstase spricht zur Hauptsache das Menschliche in uns an. Diese Ekstase ist auf das Körperbewusstsein, den disziplinierten oder undisziplinierten Bereich der Lebenskraft in uns, den erleuchteten oder unerleuchteten Verstand, das reine oder das unreine Herz beschränkt. Aber die mystische Ekstase trägt uns sogleich ins Jenseits, wo wir vom ewigen Leben umarmt, vom allnährenden Licht bewirtet und von der sich selbst transzendierenden Wahrheit gesegnet werden.

Die primitive Religion bot der Lebenskraft des Menschen die Ekstase im physischen Verstand und im begehrenden Herzen an. Die voll entwickelte Mystik bietet jetzt ihre Ekstase in unbegrenztem Ausmaß den befreiten und in reichlichem Maß den Seelen an der Schwelle zur Befreiung an.

Wo die Mystik abschätzig betrachtet wird, schiebt man immer dem Hinduismus die Hauptschuld zu. Es gibt viele überhebliche Leute im Westen, die die höchste Hindu-Mystik nicht nur nicht verstehen, sondern durch und durch missverstehen. Die Hindu-Mystik ist nicht – wie sie vielleicht denken – Selbsthypnose oder Selbsttäuschung, sondern vielmehr seelenvolles Einssein mit dem Leben der Unsterblichkeit, dem Herzen der Unendlichkeit und dem Atem der Ewigkeit. Um den Hinduismus gut zu kennen, muss man Yoga praktizieren, normalerweise unter der direkten Anleitung eines spirituellen Meisters.

Die Mystik des Buddhismus wurde maßgeblich von der Mystik des Hinduismus inspiriert und beeinflusst. Daher kommen die beiden Traditionen praktisch zur Erkenntnis der gleichen Wahrheit und sind alles andere als diametral entgegengesetzt. Nirwana transzendiert Leiden und Lust, Geburt und Tod. Die Glückseligkeit des Nirwana ist das höchste mystische Einssein mit dem Befreier. Ein Hindu-Mystiker vereinigt sich aufgrund seiner Selbstverwirklichung ebenfalls mit dem Absoluten und ist für immer befreit von den Schlingen der Lust und des Leidens, der Geburt und des Todes.

Die Sufi-Mystik des Islam äußert sich in der innigsten Berauschung der Lebenskraft, in der wahrheitserfüllten symbolischen Liebe zwischen Braut und Bräutigam. Diese Art der Mystik kann einen bedeutend näher an die Möglichkeit heranbringen, das Einssein mit dem Einen zu erfahren. Doch sie will uns auch sagen, dass der Allah des Korans eine strenge Selbstdisziplin und ein beherrschtes Leben verlangt. Nach seinen Anhängern schafft diese Mystik schließlich freien Zugang zu Ihm, was aber nur sehr selten wirklich gelingt.

Die glühende Mystik des Judentums ist die Kabbala. Diese mystische Lehre ist auf der okkulten Interpretation der Bibel begründet, und sie wurde den Eingeweihten erfolgreich als esoterische Doktrin weitergegeben.

Das Christentum verdankt seinen mystischen Drang nicht dem Judentum, sondern der griechischen Welt. Gewisse Gelehrte sind der Meinung, dass dem Neuen Testament die mystische Erfahrung fehle. Es fällt mir schwer, ihnen beizustimmen. Das Neue Testament ist voller mystischer Erfahrungen. Diesen Gelehrten fehlt nur der Schlüssel zum Öffnen der mystischen Türe, die zur Vereinigung mit Gott führt, weil ihnen die Fähigkeit abgeht, in die Tiefe der Botschaften des Neuen Testamentes einzudringen.

In Spanien schenkte Theresa von Avila der Welt etwas tief Mystisches. Ihre mystische Erfahrung ist der erfolgreichste Höhepunkt der göttlichen Vermählung zwischen der strebenden Seele und dem befreienden Christus, und hier ist es, wo der hilflos schreiende Wille des Menschen und Gottes allmächtiger, allerfüllender Wille einander umarmen.

Mystik ist nicht das alleinige Vorrecht des Hinduismus. Das Christentum und andere Religionen haben den Reichtum der Mystik ebenfalls entdeckt.