Liebe, Ergebenheit und Selbsthingabe

Liebe ist süß, Ergebenheit ist süßer. Selbsthingabe ist am süßesten.

Liebe ist süß. Ich habe diese Wahrheit in der spontanen Liebe meiner Mutter zu mir gefühlt.

Ergebenheit ist süßer. Ich habe diese Wahrheit in der ergebenen Bemühung meiner Mutter entdeckt, mein Leben zu vervollkommnen.

Selbsthingabe ist am süßesten. Ich habe diese Wahrheit in der ständigen Selbsthingabe meiner Mutter an die Erfüllung meiner Freude erkannt.

Liebe ist mächtig. Ergebenheit ist mächtiger. Selbsthingabe ist am mächtigsten.

Liebe ist mächtig. Diese Wahrheit fühle ich, wenn ich das Gesicht meines Vaters betrachte.

Ergebenheit ist mächtiger. Diese Wahrheit entdecke ich, wenn ich zu Füßen meines Vaters sitze.

Selbsthingabe ist am mächtigsten. Diese Wahrheit erkenne ich, wenn ich im Willens-Atem meines Vaters lebe. Liebe, Ergebenheit und Selbsthingabe.

Was ist Liebe? Von einem spirituellen und inneren Gesichtspunkt aus ist Liebe die Ausdehnung ihrer selbst. Menschliche Liebe bindet uns und ist gebunden. Göttliche Liebe weitet aus und dehnt sich selbst aus. Wir beschäftigen uns hier mit göttlicher Liebe.

Ergebenheit ist die Intensität der Liebe und Selbsthingabe ist die Erfüllung der Liebe. Warum lieben wir? Wir lieben, weil wir jeden Augenblick vom Hunger geplagt werden, das Höchste zu erkennen, das Innerste zu fühlen, bewusst mit dem Universum, mit der universalen Wahrheit, dem Licht, dem Frieden und der Glückseligkeit eins zu sein und vollständig erfüllt zu werden.

Wie liebt man? Wenn wir in der Absicht lieben, etwas von anderen zu erhalten, ist unsere Liebe keine Liebe. Liebe bedeutet ständiges Sich-selbst-Anerbieten aufgrund unserer eigenen inneren Strebsamkeit.

Unsere Welt braucht Frieden, Freude, Glückseligkeit, Harmonie und gegenseitiges Verständnis. Wir haben das Gefühl, es gebe hier auf der Erde kein Licht, keine Wahrheit, keine Göttlichkeit – nichts Derartiges. Alle göttlichen Eigenschaften, alle Aspekte des höchsten Herrn sind im Himmel, im tiefblauen Himmel, nur nicht hier. Dies ist unser Gefühl. Deshalb schauen wir immer hinauf, wenn wir Hilfe suchen. Wir glauben, Gott sei im Himmel und nicht auf der Erde, und Gott komme in die Welt herunter, um uns zu erretten. Wir glauben, wir schwelgten in den Vergnügen der Unwissenheit, wo es kein Licht, keine Wahrheit geben könne, und Gott könne auf der Erde schon gar nicht gefunden werden.

Doch wir müssen erkennen, dass Gott überall und daher auch hier ist. Er ist in uns. Er ist auch um uns. Wir fühlen Seine lebendige Anwesenheit in den tiefsten Tiefen unseres Herzens. George Bernard Shaw hat uns gewarnt: „Nehmt euch in Acht vor dem Menschen, dessen Gott im Himmel ist.“ Unser Gott ist überall. er ist nicht nur im Himmel; Er ist auch hier auf der Erde. Er ist in uns, Er ist mit uns und Er ist für uns. Wir müssen nicht in die höchsten Bewusstseinsebenen eindringen, um Gott zu sehen. Unser Schrei wird unsere innere Göttlichkeit – die nichts anderes als Gott selbst ist – zum Vorschein bringen.

Selbsthingabe ist Schutz und Selbsthingabe ist Erleuchtung. Selbsthingabe ist unsere Vollkommenheit. Wir beginnen unsere Reise im Augenblick, wo wir das Licht der Welt erblicken. Wir unterwerfen unser Dasein unseren Eltern und erhalten als Gegenleistung Schutz. Wir hören auf unsere Eltern. Wir fügen uns ihrem Willen, ihrem Rat und ihren Vorschlägen, und dafür werden wir gut geschützt. Als Kinder fühlen wir in unserem täglichen Leben grenzenlose Freude. Warum? Weil wir unseren persönlichen Willen, unser eigenes Denken unseren Eltern unterwerfen und so Freude und zusätzlich Schutz erhalten. Im Schutz ist Freude, und in der Freude ist Schutz.

Was geschieht an unserem Lebensabend? Wenn wir ein inneres Leben, ein spirituelles Leben führen, werden wir uns am Ende unseres Lebens ebenfalls selbst hingeben. Wem? Dem inneren Piloten, dem höchsten Herrn. Am Ende unserer Reise werden wir Gott unseren eigenen Atem hingeben. Dann werden wir wieder Freude erhalten, vollkommene Freude, ungestörte Freude.

Unsere Reise als aufrichtige Sucher nach der letzten Wahrheit beginnt also damit, dass wir uns unseren Eltern unterwerfen, die uns am nächsten und am liebsten sind und nur das Beste für uns wollen. Wenn wir ihnen unser Dasein unterwerfen, erhalten wir unendliche Freude. Wenn wir dann einen spirituellen Pfad betreten, versuchen wir jeden Augenblick auf das Gebot unseres inneren Wesens zu hören. Je mehr wir auf unser inneres Wesen hören, desto größer ist unsere Freude, desto tiefer ist unsere Erfüllung. Unsere Zeit wird verstreichen, und wir werden für eine kurze Rast in eine andere Welt gehen müssen. Falls wir uns bewusst Gottes willen hingegeben haben, wird uns dort die erhabenste Freude und Herrlichkeit erfüllen.

Es ist schwierig, die Menschheit zu lieben. Es ist schwierig, uns ergeben der Menschheit zu widmen. Es ist schwierig, uns der Menschheit hinzugeben. Das ist wahr. Ebenso schwierig ist es, Gott zu lieben, Gott zu dienen, uns Gott zu ergeben und unseren Lebensatem Gott hinzugeben.

Warum? Aus dem einfachen Grund, dass wir besitzen und besessen sein wollen. Wir machen uns ständig zu einem Opfer der Unwissenheit. Unsere Begierden können nie erfüllt werden, und wir haben zahllose Begierden. Gott wird nur jene Begierden erfüllen, die uns in einer gewissen Hinsicht helfen werden. Wenn Er alle unsere zahllosen Begierden erfüllen wollte, dann würde Er unseren strebenden Seelen Unrecht tun. Und das wird er nicht machen. Er weiß, was für uns am besten ist, und Er hat uns viel mehr gegeben, als wir aufnehmen können, obwohl wir uns dessen leider keineswegs bewusst sind.

Wir haben jeden Augenblick Gelegenheit, die Menschheit zu lieben. Und wenn wir die Menschheit wirklich lieben, werden wir den Drang verspüren, der Menschheit unseren ergebenen Dienst zu erweisen. Und wenn wir unsere Existenz wirklich erweitern wollen, wenn wir unser Bewusstsein ausdehnen und mit der Weite eins, untrennbar eins sein wollen, dann ist Selbsthingabe die einzige Antwort.

Jeden Augenblick sehen wir Schranken zwischen uns Menschen, als stünden Betonwände zwischen uns. Wir können nicht von ganzem Herzen miteinander sprechen. Warum? Weil uns die Liebe fehlt. Liebe ist unser untrennbares Einssein mit dem Rest der Welt, mit Gottes gesamter Schöpfung. Mit unserer seelenvollen Liebe können wir diese Beton-Wand zum Einstürzen bringen.

Liebe, Ergebenheit und Selbsthingabe. Dies sind drei Sprossen auf der spirituellen Leiter, der Leiter unseres sich entwickelnden Bewusstseins. Die erste Sprosse ist Liebe; die zweite oder zweitletzte ist Ergebenheit und die letzte ist Selbsthingabe. Leider wird die Selbsthingabe im Westen falsch verstanden. Wir befürchten, dass derjenige, dem wir uns hingeben, über uns herrschen und uns jeglicher Individualität oder Persönlichkeit berauben werde. Vom gewöhnlichen menschlichen Standpunkt aus ist dies wahr. Doch vom spirituellen Standpunkt aus ist es völlig falsch. Wenn das Endliche ins Unendliche eintritt, wird es zur Unendlichkeit selbst. Wenn der kleine Tropfen in den Ozean fällt, können wir den Tropfen nicht mehr verfolgen. Er wird zum mächtigen Ozean.

Gott liebt uns dank Seiner unendlichen Güte, und die Türe Seines Herzens steht immer weit offen. Weil Er reine Liebe ist, nähern wir uns Ihm. Er ist uns am liebsten und am nächsten – nicht weil Er allwissend und allmächtig ist, sondern weil Er reine Liebe ist.

Liebe, Ergebenheit und Selbsthingabe. Zu dienen und nie müde zu werden, ist Liebe. Zu lernen und nie ausgelernt zu haben, ist Ergebenheit. Zu geben und nie aufzuhören, ist Selbsthingabe.

Liebe ist die Wirklichkeit des Menschen. Ergebenheit ist die Göttlichkeit des Menschen. Selbsthingabe ist die Unsterblichkeit des Menschen.

Wirklichkeit ist alldurchdringend. Göttlichkeit ist allerhebend. Unsterblichkeit ist allerfüllend.