Kreativität: Die Verschmelzung von Freude und Leid

An alle meine Brüder und Schwestern der Universität von Victoria: Ich danke Ihnen aus tiefstem Herzen. Sie haben hier zwei äußerst bedeutungsvolle Leitsprüche: „Es werde Licht“, und „Eine Vielzahl der Weisen ist das Wohl der Welt.“ Wenn diese Welt erst vom unendlichen Weisheitslicht unseres erhabenen Vaters überflutet ist, werden grenzenloser Friede und grenzenloses Glück in unseren hingebungsvollen Herzen und Leben zu dämmern beginnen.


Der Verstand ist eine Kreativität. So auch ein Gedanke.
Der Verstand sagt zum Gedanken: „Ich habe dich.“
Der Gedanke sagt zum Verstand: „Ich bin du“.

Das Herz ist eine Kreativität. So auch die Liebe.
Das Herz sagt zur Liebe: „Ich habe dich.“
Die Liebe sagt zum Herzen: „Ich bin du.“

Die Seele ist eine Kreativität. So auch das Leben.
Die Seele sagt zum Leben: „Ich habe dich.“
Das Leben sagt zur Seele: „Ich bin du.“

Das Lernen des Verstandes ist eine Kreativität, eine ausdehnende Kreativität.
Das Fühlen des Herzens ist eine Kreativität, eine vertiefende Kreativität.
Das Werden des Lebens ist eine Kreativität, eine manifestierende Kreativität.


Kunst ist der Schrei der Ewigkeit.
Kunst ist das Lächeln der Unendlichkeit.
Kunst ist die Glückseligkeit der Unsterblichkeit.

Musik ist nicht der Kreativitäts-Lärm des Verstandes.
Musik ist die Kreativitäts-Stimme des Herzens.

Lyrik ist keine Dunst-Kreativität einer irdischen Schimäre.
Lyrik ist eine Himmlische Schönheits-Dämmerungs-Kreativität.

Die Kunst und Gott sprechen unermüdlich miteinander.
Die Musik und Gott fühlen einander unentwegt.
Die Lyrik und Gott betrachten einander unaufhörlich.


Mein Leben ist Gottes Schöpfung.
Mein erblühendes Lächeln ist meine Seelen-Schöpfung.
Meine strömenden Tränen sind meine Herzens-Schöpfungen.

Die innere Schöpfung ist die Quelle.
Die äußere Schöpfung ist der Verlauf.

Die innere Schöpfung ist unentbehrlich.
Die äußere Schöpfung ist unwiderstehlich.

Meines Strebens-Herzens innere Schöpfung ist Gott-Erforschungs-Wonne.
Meines Hingabe-Lebens äußere Schöpfung ist Gott-Manifestations-Licht.


Kreativität ist im Lernen. Kreativität ist auch im Verlernen. Kreativität ist in der Handlungs-Manifestation. Kreativität ist auch in der Untätigkeits-Rast – nur müssen wir zur Erfüllung unseres Lebens die richtige Reihenfolge kennen. Mein Leben pflichtet dem weisen chinesischen Sprichwort bei, das besagt: „Sei der Erste auf dem Feld, der Letzte auf der Couch.“

Mein Kreativitäts-Boot pendelt zwischen meinen Verlangens-Erden-Tränen und meinem Strebens-Himmels-Lächeln hin und her.


Um zu etwas leichterem zu kommen: Es wird sich wohl nur ein englischer Dirigent herausnehmen können zu verkünden: „Die Engländer mögen vielleicht keine Musik, aber sie sind völlig vernarrt in das Geräusch, das sie macht!“
Als Inder, denke ich, habe ich ein Recht auf die Kühnheit, zu verkünden: Die indische Musik der alten Zeit berührt, erleuchtet und erfüllt mein ganzes Erdendasein. Die moderne – mit einem ultramodernen Einschlag versehene – indische Musik jagt mich ins Nirgendwo!

Aus spiritueller Sicht ist Kreativität die Schönheit der Gottes-Offenbarung und der Duft der Gottes-Manifestation.
Kreativität ist das Erblühen der Vielheit in der Blüte der Einheit.

In der äußeren Welt ist Kreativität das Licht der Individualität.
In der inneren Welt ist Kreativität die Glückseligkeit der Universalität.

Ganz gleich, wie erhaben die Kreativität auch ist, der Schöpfer ist nicht unentbehrlich. Erst wenn er dies erkennt, wird er innere Ruhe und immer währende Zufriedenheit erlangen.


Zum Schluss möchte ich gerne den am meisten Gerühmten der antiken griechischen Mathematiker anrufen – Archimedes. „Heureka! Ich habe es gefunden!“, war sein Entdeckungs-Ruf.
O strebende Welt, Ihn habe ich gefunden, meinen Höchsten Herrn, in der Strebens-Schönheit und im Hingebungs-Duft meiner Kunst, Musik und Lyrik.



3. Juni 1998, University of Victoria, Kanada
Diese Ansprache hielt Sri Chinmoy, nachdem er zuvor den
Student of Peace Award der Universität von Victoria erhalten hatte.