Göttliche Liebe

Ich möchte einen kurzen Vortrag über die Liebe halten. Wie Sie alle wissen, gibt es auf der Erde nichts Wichtigeres als die Liebe. Auch im Himmel gibt es nichts Bedeutsameres als die Liebe. Meine Schüler und ich folgen einem bestimmten Weg. Dieser Weg heißt "Liebe, Demut und Hingabe". Liebe ist die Wurzel; Liebe ist das Fundament unseres Weges. Wir fühlen, dass Gott uns das Liebste ist, nicht weil Er allwissend, allgegenwärtig und allmächtig ist, sondern einfach, weil Er reine Liebe ist.

Es ist gut, geliebt zu werden. Es ist besser, andere zu lieben. Aber sowohl Gott, als auch den Menschen auf Gottes eigene Weise zu lieben ist bei weitem am besten. Wenn wir geliebt werden, wird unser Leben bedeutsam. Wenn wir lieben, wird unser Leben seelenvoll. Wenn wir Gott und den Menschen auf Gottes eigene Weise lieben, wird unser Leben fruchtbar. Im gewöhnlichen menschlichen Leben ist die Liebe für uns etwas ausserordentlich Kostbares, eben weil wir fürchten, wir könnten den Gegenstand unserer Liebe in jedem Augenblick verlieren. Im spirituellen Leben schätzen wir die Liebe, weil wir fühlen, dass die Liebe das Einzige ist, das uns dauerhafte Zufriedenheit gewähren kann. Im spirituellen Leben ist die Liebe, die wir erfahren und anderen schenken, göttliche Liebe. Menschliche Liebe ist das Lied der Inbesitznahme. Aber bevor wir andere in Besitz nehmen, sehen wir zu unserer grossen Sorge, dass wir selbst es sind, die erbärmlich in Besitz genommen werden. Göttliche Liebe ist das Lied der Emanzipation. Wenn wir versuchen, andere durch göttliche Liebe zu emanzipieren, sehen wir, dass wir andere erst dann emanzipieren können, nachdem wir selbst vollständig befreit worden sind.

Liebe ist Mut. Mut ist Selbst-Ergebenheit. Selbst-Ergebenheit ist Gott-Erschaffung und in der Gott-Erschaffung findet Gott-Manifestation statt. Gottes vollständige Manifestation ist heute ein Traum. Morgen wird der Traum zur Hoffnung werden und übermorgen wird aus dieser Hoffnung eine innere Sicherheit werden. Wenn wir innere Sicherheit erlangen, vernimmt unser erdgebundenes Bewusstsein die Botschaft des Himmel-freien Bewusstseins. Dann ergibt sich das Endliche in uns bewusst, ergeben und seelenvoll dem Unendlichen und wird eins mit ihm.

Liebe ist die beste Form des Gebets, Liebe ist die beste Form der Verehrung. Es gibt einen auffallenden Unterschied zwischen Liebe und Verehrung. Wir lieben, weil wir die Notwendigkeit der Ausdehnung und des Einsseins fühlen. Wenn wir Gott lieben, werden der Liebende und der Geliebte letztendlich eins. Der Liebende verliert seine Individualität, seine Persönlichkeit, seine Höhe und sein ego-bezogenes Ich und er und der göttlich Geliebte werden untrennbar eins. In unserer Verehrung behalten wir jedoch recht oft unsere individuelle Persönlichkeit. Wir fühlen, dass wir uns am Fuß des Baumes befinden, während unser Erlöser hoch oben auf dem Baum ist. Wir empfinden stets tiefe Ehrfurcht. Aufgrund dieser tiefen Ehrfurcht fällt es uns schwer, vollständig in das Bewusstsein unseres Erlösers einzutauchen. Aber in seinem inneren Einssein taucht der göttlich Liebende tief in das Bewusstseins-Meer seines Geliebten ein und wird zum Meer selbst. Wie ein winziger Tropfen tritt er in den mächtigen Ozean ein und wird zum mächtigen Ozean selbst.

Je mehr Fortschritt wir im spirituellen Leben machen, umso mehr fühlen wir die Notwendigkeit der Liebe. Gott hat unendliche Kraft, unendlichen Frieden und unendliche Glückseligkeit. Er hat alles in unendlichem Masse, wir aber fühlen, dass selbst ein Hauch Seiner Liebe unseren lebenslangen Durst stillen kann. Er kann und wird uns alles geben, was Er hat und was Er ist, wir aber werden erst dann zufrieden sein, wenn Er uns Seine Liebe schenkt. Es versteht sich von selbst, dass Seine göttliche Liebe alle Seine äusseren Eigenschaften umfasst: Frieden, Licht, Glückseligkeit und so weiter. In dieser Welt mag uns alles im Stich lassen; ja, wir mögen uns selbst im Stich lassen. Die göttliche Liebe in uns jedoch wird uns niemals im Stich lassen, weil diese Liebe einen ständigen Wohnsitz und eine ständige Quelle hat. Diese Quelle ist Gott, die unendliche Anteilnahme, Gott, das unendliche Mitleid und Gott, der unendliche, segensvolle Stolz in der Menschheit. Liebe schenkt uns letztendlich transzendentales Glück. Dieses Glück ist nicht etwas, worüber wir redden, noch etwas, das wir um uns herum wahrnehmen, sondern etwas, das wir in unseren Alltagsaktivitäten erfahren können. Wir können zu Gottes auserwählten Stunde in dieses innere Glück hineinwachsen.

Als Sucher müssen wir äusserst vorsichtig sein, wenn wir uns mit der göttlichen Liebe beschäftigen. Sehr oft versucht die menschliche Liebe geschickt, die Rolle der göttlichen Liebe zu spielen. Wie können wir sagen, ob etwas göttliche Liebe oder menschliche Liebe ist? Wir können das leicht wissen, wenn wir den Mut haben, uns selbst zu prüfen. Richtet sich diese Liebe auf die Wahrheit und das Licht in uns? Wenn wir das bejahen können, können wir leicht wissen, dass es sich um göttliche Liebe handelt. Ich möchte Ihnen einen Vorfall aus dem Leben des amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln erzählen. Ein Beamter sagte zu ihm, Gott sei auf seiner Seite. Lincoln entgegnete, dass ihn das nicht kümmere. Ihm gehe es darum, auf Gottes Seite zu sein. Er kümmere sich nur um seine Annahme von Gottes Licht. Die Frage war nicht, ob Gott auf seiner Seite war oder nicht. Er sagte, Gott würde immer auf der richtigen Seite sein und es sei seine Pflicht, auf der Seite Gottes zu sein. Hier sprach der wahre Sucher und der wahrhaft Liebende in Lincoln.

Auch wir können aufgrund unseres Gebets, unserer Meditation und Hingabe erreichen, dass Gott unsere Seite einnimmt. Jedoch wird uns dies nicht zufrieden stellen. Wenn wir Gott wirklich lieben, werden wir Gott unsere Liebe, unsere Demut, unsere Hingabe, unsere Strebsamkeit und unsere Widmung anerbieten; gleichzeitig werden wir inbrünstig beten und höchst seelenvoll darauf meditieren, Gott bedingungslos auf Seine eigene Weise zu gefallen und auf der Seite Gottes zu sein. Wenn wir Gott auf die eine oder andere Weise gefallen, wird Er natürlich auch uns gefallen: eines Tages aber wird unsere Strebsamkeit zum Vorschein kommen und wir werden erbärmlich leiden, weil wir Gott nicht auf Seine eigene Weise gefallen haben. Wir dürfen nicht erwarten, dass Gott uns auf unsere Weise gefällt, obwohl Er das sehr wohl vermag. Wenn wir etwas haben wollen, kann Er uns das geben; aber früher oder später wird uns das nicht mehr zufrieden stellen. Unser aufrichtiges Herz wird erst dann Zufriedenheit verspüren, wenn wir Gott auf Seine eigene Weise gefallen haben. Wenn Er uns jedoch das gibt, was Er uns ursprünglich geben wollte, dann wird der Sucher in uns glücklich sein und dieses Glück wird von Dauer sein.

Wir können Gott nur dann auf Seine eigene Weise gefallen, wenn wir in uns bedingungslose Liebe für unseren Höchsten Geliebten entdeckt und entwickelt haben. Unsere Liebe zu Gott ist unser innerer Schrei. Seine Liebe zu uns ist Sein Lächeln, das unser Leben verwandelt, erleuchtet und erfüllt. Wenn wir nach Ihm schreien, offenbaren wir Ihm unsere Liebe; wenn Er uns Sein Zufriedenheits-Lächeln schenkt, drückt das nichts anderes als Seine Liebe zu uns aus.

Liebe, Demut und Hingabe. Wir anerbieten Gott Liebe, eben weil wir wissen, dass es nichts gibt und nichts geben kann, und es niemanden gibt und niemanden geben kann, der rechtmäßigen Anspruch auf unsere Liebe hat. Wir anerbieten Gott unsere Demut, weil Er der Einzige ist, der unsere Demut für den rechten Zweck gebraucht. Wir anerbieten Ihm unsere ergebene Hingabe, nicht weil wir Seine Sklaven sind, sondern weil wir fühlen, dass Gott und der Mensch eins sind. Er ist der erleuchtete Teil in uns, während der Teil, der wir jetzt sind, Erleuchtung braucht. Es ist unsere innere Verpflichtung, unsere heilige Pflicht, von den Fußsohlen bis zum Scheitel vollständig erleuchtet zu sein. Wir müssen innerlich und äußerlich von Gottes unendlichem Licht durchdrungen sein. Wenn wir uns dem Höchsten hingeben, müssen wir uns dessen bewusst sein, dass wir uns dem höchsten Teil in uns, der vollständig erleuchtet ist, hingeben. Wenn der niedrigere Teil in den höheren Teil eintritt, wenn das Endliche in das Unendliche eintritt, werden wir von unendlichem Licht, unendlichem Frieden und unendlicher Glückseligkeit durchflutet.