Glaube und Vertrauen

Liebe Sucher, liebe Schwestern und Brüder, mit dem Einverständnis Ihrer Seele möchte ich vorab ein paar Worte sagen, bevor ich mit meinem Vortrag beginne. Am Anfang dieses Jahres verspürten meine Studenten und ich den brennenden Wunsch, den Suchern im ganzen Land einen selbstlosen, seelenvollen Dienst zu erweisen. Wir fassten den Entschluss, in jedem Bundesstaat einen Vortrag zu halten und so unseren hingebungsvollen Dienst anzuerbieten. Heute werde ich meinen letzten Vortrag halten.

Ich bin Herrn und Frau Addison ausserordentlich dankbar; sie waren sehr zuvorkommend und gastfreundlich. Ihr Sohn John Addison ist ein Schüler von mir; er ist sehr tatkräftig und dynamisch. Seine Eltern haben hier dem Höchsten in mir die gleiche Art von Dienst erwiesen und dafür bin ich Herrn und Frau Addison zutiefst dankbar. Zugleich möchte ich allen Suchern, die heute Abend hier anwesend sind, Freude und Liebe anerbieten.

Ich möchte einen Vortrag halten über Glauben und Vertrauen - vom spirituellen Standpunkt aus betrachtet. Glaube und Vertrauen: sie sind in unserem spirituellen Leben von überragender Wichtigkeit. In unserem gewöhnlichen Leben spielen sie ebenfalls eine bedeutende Rolle.

Glaube ist normalerweise im Verstand, Vertrauen hingegen hegt man im Herzen. Unglücklicherweise ist der Zweifel der unmittelbare Nachbar des Glaubens. Was ist Zweifel? Zweifel ist Gift. Wenn im spirituellen Leben der Zweifel in unseren Verstand eintritt, können wir keinen Fortschritt machen. Nicht einmal im gewöhnlichen Leben können wir dem Zweifel irgendetwas abgewinnen, wenn wir gegenüber einer Person Zweifel hegen. Heute hegen wir Zweifel, morgen versuchen wir, etwas Vertrauen in diese Person zu haben, und tags darauf zweifeln wir unsere eigene Fähigkeit an, irgendein ein Urteil zu fällen. Wenn wir gegenüber einer Person Zweifel hegen, verlieren wir vielleicht nicht sofort all unseren Glauben. Wenn wir aber an uns selbst zweifeln, ist das das Ende unseres Fortschritts. Zweifel ist eine gefährliche Strasse, die zur Zerstörung führt.

Der unmittelbare Nachbar von Vertrauen ist Überzeugung. Wir können ausserordentlich froh und glücklich sein, wenn wir Vertrauen im Herzen hegen. Was ist Überzeugung? Überzeugung ist der Vorbote von Gott-Entdeckung und Selbst-Entdeckung. Selbst-Entdeckung und Gott-Entdeckung sind ein und dasselbe. Wenn wir uns selbst entdecken, erkennen wir, dass Gott-Verwirklichung immer unser Geburtsrecht war, wir aber vergessen haben, von diesem Geburtsrecht Gebrauch zu machen.

Glaube unterscheidet nicht. Sehr oft akzeptiert der Verstandesglaube beides gleichermassen, das Gute und das Böse, das Göttliche und das Ungöttliche, das Flüchtige und das Ewige, das Endliche und das Unendliche, das Sterbliche und das Unsterbliche. Wir müssen jedoch sehr vorsichtig sein, wenn wir uns mit endlichen und vergänglichen, mit ungöttlichen und feindlichen Dingen abgeben, denn wir können gänzlich vernichtet werden, wenn wir mit den ungöttlichen Kräften spielen, die in uns und ausserhalb von uns sind.

Vertrauen ist ausserordentlich vorsichtig. Es unterscheidet immer. Es akzeptiert nur das Wirkliche, das Göttliche, das Ewige, das Unendliche, das Unsterbliche. Wenn wir das Wirkliche in uns und nicht das Unwirkliche akzeptieren, dann wachsen wir in die transzendentale Wirklichkeit. Wenn wir die Unendlichkeit und Unsterblichkeit akzeptieren, dann werden wir natürlich im Laufe der Zeit und im Prozess der Evolution in die Unendlichkeit und Unsterblichkeit wachsen. Wenn wir das Göttliche in uns akzeptieren, dann werden wir letztendlich in die Göttlichkeit wachsen.

Der menschliche Glaube hat zwei gute Freunde: Vorstellungskraft und Inspiration. Sehr oft wird behauptet, die Vorstellungskraft sei eine reine Halluzination des Geistes, aber das ist völlig absurd. Die Vorstellungskraft ist der Vorbote der Verwirklichung. Wo keine Vorstellungskraft ist, kann es auch keine Schöpfung geben. Alle grossen Entdeckungen der Wissenschaft basieren auf innerer, erleuchteter Vorstellungskraft. Was wir heute Vorstellungskraft nennen, wird morgen Wirklichkeit werden. Inspiration ist immer wichtig, im gewöhnlichen und im spirituellen Leben. Wenn wir inspiriert sind, betreten wir das Reich der Kreativität. Wenn unser Ziel in weiter Ferne liegt, können wir meist im Nu die halbe Wegstrecke zurücklegen, wenn wir innerlich inspiriert sind.

Der Glaube hat rationale Werte. Vertrauen hat konstruktive und schöpferische Werte. Wenn unser inneres Vertrauen wächst, erkennen wir, dass der Innere Pilot Seine eigene Stille-Höhe in und durch Seinen Erden-Klang erfährt. Was Er in Stille war, manifestiert sich im Klang als eine irdische Kraft der Vergöttlichung und der Unsterblichkeit. Der Innere Pilot ist der höchste Künstler. Wenn wir konstruktive und schöpferische Werte pflegen, wird das Leben selbst zur höchsten Kunst.

Glaube im menschlichen Verstand muss sich oft selbst überzeugen. Er ist auch so kühn genug, andere zu überzeugen, obwohl es ihm sehr oft an der eigenen Überzeugung fehlt. Der Glaube kann durch die Widrigkeiten des Lebens erschüttert werden, er kann aber auch gestärkt werden, wenn die Gelegenheit unaufhörlich an unsere Verstandestür klopft. Vertrauen jedoch ist stets die Überzeugung selbst. Im Vertrauen erblüht das untrennbare Einssein des Menschen mit dem universellen Bewusstsein und mit der transzendentalen Höhe.

Vertrauen ist stets ein Geben und Werden. Vertrauen ist Selbst-Widmung, Vertrauen ist Gott-Werden. Vertrauen hat die innere, unbezwingbare Stärke, seine eigene Höhe des Lichts und der Wonne zu transzendieren und in das Meer des unendlichen Lichts und der unendlichen Wonne einzutreten. Glaube ist nur ein winziger Tropfen im Meer des Bewusstseins, während Vertrauen der Ozean selbst ist.

Vom spirituellen Standpunkt aus betrachtet haben Glaube und Vertrauen auf der inneren oder psychischen Ebene zwei unterschiedliche, voneinander abgegrenzte Rollen. Der Glaube versucht, uns von der erdgebundenen Zeit zu befreien. Die Zeit bindet uns; deshalb sind wir in den Fängen der Unwissenheit gefangen und verbringen dort bewusst oder unbewusst unser Leben. Wenn aber der Glaube erblüht und zum Vorschein kommt, versuchen wir, weit über den Bereich der erdgebundenen Zeit hinauszugehen. Wenn dann Vertrauen auf den Plan tritt, sehen wir, dass die Himmels-freie Zeit, die ewige Zeit, unser Freund wird und uns ermutigt und inspiriert, in der immerwährenden Wirklichkeit der universellen Wahrheit und transzendentalen Glückseligkeit zu leben.

Glaube hat; Vertrauen ist. Glaube hat Gott-Vision, Gott, die kosmische Schau. Vertrauen ist Gott-Wirklichkeit, Gott, die transzendentale Wirklichkeit. Glaube und Vertrauen sind wie die Vorder- und Rückseite ein und derselben Münze. Sie sind wie Komplementär-Seelen. Glaube trägt uns zum höchsten Reich des Bewusstseins. Vertrauen bringt uns herab vom höchsten transzendentalen Bewusstsein, damit wir Frieden, Licht und Glückseligkeit in der ganzen Welt verbreiten können.

Damit Glaube und Vertrauen in uns wachsen können, brauchen wir zwei enge, immerwährende Freunde. Diese Freunde sind Gebet und Meditation. Das Gebet hilft uns, die höchste Höhe zu verwirklichen. Im Gebet steigen wir hoch, höher, am höchsten, und sehen so das Antlitz Gottes. Wir rufen und Er erhört unseren sehnsüchtigen, inneren Schrei. Wenn wir meditieren, kommt der Höchste Herr - unser Ewiger Geliebter - herab und Er sagt uns, was wir tun sollen, wie wir unsere Natur verwandeln, wie wir unser Leben unsterblich machen und wie wir in unseren täglichen Aktivitäten Erfüllung finden können. Wenn wir auf die Weisungen Gottes hören, fühlen wir, dass unser Leben auf der Erde nicht ein Geflecht von unwirklichen Geschehnissen ist, sondern dass eine erhabene Wirklichkeit in und durch uns wirkt. Wir fühlen, dass wir die auserwählten Instrumente Gottes sind. Er gebraucht uns auf Seine unnachahmliche, erhabene Weise. Wir nehmen bewusst teil an Seiner kosmischen Reise. Ihn zu verkörpern, Ihn zu enthüllen und Ihn zu manifestieren, kommen wir wieder und wieder auf die Erde. Die Verwirklichung dämmert auf unserem gesenkten Haupt und unserem hingegebenem Herzen, wenn wir unserem ewig emporsteigenden Glauben und unserem ewig herabkommenden und all-erleuchtenden Vertrauen die gebührende Bedeutung beimessen.