Entsagung

Sehr geehrte Sucher, liebe Schwestern und Brüder, ich möchte heute einen Vortrag über Entsagung halten. Wir alle hier sind Sucher, daher fürchten wir uns nicht vor dem Begriff Entsagung. Bei einem gewöhnlichen, unstrebsamen Menschen läuten in der Regel die Alarmglocken, sobald er das Wort Entsagung hört. Für ihn bedeutet Entsagung alles aufzugeben, was er liebt und wertschätzt., alles was er sein eigen nennt. Aber wir spirituelle Menschen wissen, dass Entsagung etwas anderes bedeutet. Es bedeutet, die Dinge aufzugeben, die ungöttlich, unwirklich, unvollkommen sind – die Dinge, die uns zwingen wieder zurückzufallen auf unserem auf Gott hin ausgerichteten Marsch. Allem, was wirklich ist in uns, allem, was göttlich ist in uns, allem, was vollkommen ist in uns, werden wir niemals entsagen. Als Sucher der transzendentalen Wahrheit haben wir deshalb keine Angst vor Entsagung, weil wir wissen, was wir entsagen, und was wir durch Entsagung erreichen können. Wir entsagen dem Endlichen, um das Unendliche, das Ewige und das Unsterbliche zu erlangen, welches uns innewohnt.

Was entsagen wir? Wir entsagen unserem Ego. Wir entsagen unserem Ego deshalb, weil unser Ego begrenzt und blind ist. Welchen Dingen entsagen wir außerdem? Wir entsagen unserem Zweifel. Wir entsagen unserem Zweifel, da Zweifel ein langsam wirkendes Gift ist, welches uns schlussendlich umbringen wird. Wir entsagen unserer Unwissenheit. Wir entsagen unserer Unwissenheit, denn Unwissenheit bindet uns und lässt uns fühlen, dass wir auf ewig zum erdgebundenen Bewusstsein verdammt sind. Unwissenheit lässt uns fühlen, dass wir schwach und unfähig sind, und dass ein Leben der Unendlichkeit, der Ewigkeit und der Unsterblichkeit ein weit entfernter Ruf sind. Entsagung kann nicht von einem auf den anderen Tag erlangt werden. Wir bekommen sie auch nicht zufällig. Um Entsagung zu erlangen, müssen wir tief nach innen tauchen und beten und meditieren. Wir müssen außerdem die Notwendigkeit der Selbstmeisterung erkennen. Diese Selbstmeisterung ist nichts anderes als unsere Selbstenthüllung, ist nichts geringeres als Gottverwirklichung. Selbstentdeckung und Gottverwirklichung sind ein und dasselbe, sind die Vorder- und Rückseite der selben göttlichen, spirituellen, unsterblichen Medaille.

Indiens größter Dichter, Rabindranath Tagore bemerkte einst, dass er entsagen würde, aber nicht auf eine strenge Weise. Es gibt Leute, die allem entsagen möchten und ein Leben der Enthaltsamkeit führen, aber Enthaltsamkeit ist nicht gleich echte Entsagung. Wahre Entsagung sagt, dass wir die Freiheit der Befreiung hier, inmitten unserer mannigfaltigen Aktivitäten geniessen müssen; wir müssen Befreiung durch die Reinigung, Erleuchtung und Transformation unserer Begrenzungen, Unvollkommenheiten und Bindungen erreichen. Wir müssen ein normales, natürliches Leben führen, uns aber fortwährend der Dinge bewusst sein, denen wir innerlich entsagen müssen, zum Zwecke eines höheren, besseren, erfüllteren Leben.

Der Leitspruch von Oklahoma ist äußerst bedeutend: „Arbeit übertrifft alle Dinge“. Entsagung bedeutet voller Hingabe zu Arbeiten, bedeutet hingegebenen Dienst. Wenn wir unseren hingegebenen Dienst seelenvoll darbieten, übertreffen wir alles und erreichen wir alles. Was ist dieses Etwas, das alles beinhaltet? Gottes Lächeln. Wenn wir Gott unsere hingebungsvolle Arbeit darbieten, dämmert Gottes Lächeln in unserem Herzen der Hingabe. Ein aufrichtiger, hingegebener Arbeiter weiß, dass sein Leben einem Baum gleicht. Ein Baum arbeitet sehr hart, um uns Blüten und Früchte, Schatten und Schutz anzubieten. Von der Wurzel bis zur Baumkrone ist alles, was ein Baum hat, eine selbstlose Gabe. Vom Anfang bis zum Ende ist das Leben eines Baumes eine Opfergabe. Selbst wenn wir einen Ast abbrechen, bietet uns der Baum weiterhin Schutz mit seinen übrigen Zweigen. Ebenso sollten auch wir nicht aufhören, unser Licht anzubieten, wenn unser hingebungsvoller Dienst missverstanden wird. Wir sollten mit unserem hingebunsvollen Dienst weitermachen, da wir in diese Welt gekommen sind, um uns selbst zu geben. Ein Mensch des hingebunsvollen Dienstes erhält konstante und anhaltende Zufriedenheit von seiner Arbeit, ungeachtet dessen, ob die Welt dies akzeptiert oder nicht.

So lautet das Gebet eines aufrichtigen wahrhaften Dieners der Menschheit, eines göttlichen Arbeiters:

Oh Unwissenheit, ich wünsche mir ein Baum des Mitleids zu sein, Oh Mensch, ich wünsche mir ein Baum des hingegebenen Dienstes zu sein, Oh Erde, ich wünsche mir ein Baum der Geduld zu sein, Oh Himmel, ich wünsche mir ein Baum konstanter Strebsamkeit zu sein, der hoch, höher, am höchsten klettert.

Bewusste Entsagung ist die Manifestation des Friedens. Ein normaler Mensch gibt sich mit einem Grad des Friedens zufrieden, den spirituellen Sucher als reinen Kompromiss ansehen. Es ist ein Kompromiss zwischen Ehemann und Ehefrau, zwischen zwei Ländern, zwischen zwei Kontrahenten. Diese Welt benötigt wirklichen Frieden, aber sobald eine vorübergehende Übereinstimmung, eine Art Kompromiss gefunden worden ist, denkt die Welt, sie hätte Frieden erreicht. Doch echter Friede ist unendlich bedeutender und fruchtbarer als dies. Wirklicher Friede ist die unendliche Ekstase unseres Herzens und die ewige Zufriedenheit unserer Seele. Entsagung ist die Manifestation unseres erwachten Bewusstseins. Ein erwachtes Bewusstsein ist die Brücke zwischen Himmel und Erde. Im Bewusstsein wird der Mensch, im Bewusstsein ist Gott. Der Mensch wird zu seiner höchsten Wirklichkeit, welche er vor sehr langer Zeit einmal war. Gott ist Sein alles-durchdringendes, transzendentales und universelles Bewusstsein, welches Er schon ewig gewesen ist.

Ein Mensch der Entsagung erhebt das Bewusstsein derer, die streben oder gerade beginnen zu streben. Dieses selbstlose Handeln ist das größte Geschenk, das er der Menschheit anbieten kann. Die Menschheit ist fasziniert von Wundern, doch das größte, erfüllendste Wunder von allen ist, das Bewusstsein anderer zu heben. Ein gewöhnliches Wunder hält einen flüchtigen Augenblick lang an, und wenn es vorüber ist, befinden wir uns wieder im gleichen Bewusstseinszustand wie zuvor. Doch wenn ein wahres Wunder geschieht, wird unser Bewusstsein gehoben und erleuchtet. Während der Mensch der Entsagung in Richtung des am weitesten entfernten Jenseits vorwärts marschiert, erklimmt er eine sich weiter entwickelnde Leiter transformierenden, vergöttlichten Bewusstseins. Und genau durch diese Handlung der Selbst-Transzendenz inspiriert der Mensch der Entsagung seine Brüder und Schwestern, die die gleiche Leiter erklimmen möchten, und hebt deren Bewusstsein empor. Ein gewöhnlicher Mensch fürchtet sich vor Transzendenz. Er hat das Gefühl, dass Transzendenz etwas Unbekanntes ist, vielleicht sogar Unerkennbares. Er fühlt, dass er in dem Moment, in dem er in das Unbekannte eintritt, in die Fänge eines reißenden Tigers gerät. Doch für wahre Sucher ist das Unbekannte kein grausames Tier. Das Unbekannte ist etwas oder jemand, das/den wir bis jetzt noch nicht gesehen haben, aber dessen Freundschaft wir eines Tages hegen und pflegen werden. Wir fürchten uns nicht vor dem Unbekannten, da wir beten und meditieren. Unsere Gebete und Meditationen gleichen einem Suchscheinwerfer, der uns weit nach vorne blicken lässt. Wenn wir diesen Scheinwerfer des Gebetes und der Meditation nicht verwenden, werden wir nicht fähig sein, auch nur irgend etwas von dem erkennen zu können, was vor uns liegt. Die unstrebsame Person fühlt, dass das einzige Licht dort ist, wo sie gerade steht, und dass einen Schritt weiter alles unbekannte Dunkelheit ist. Doch in uns, uns Suchern, gibt es eine stets brennende Lampe, die unseren Pfad so lange erleuchtet, bis wir erkennen, dass er sonnenüberflutet und ziemlich sicher ist. Und was ist diese Lampe? Es ist unser Vertrauen – unser Vertrauen in Gott und unser Vertrauen in uns selbst.

Für den Anfänger, für denjenigen, der gerade erst begonnen hat, auf dem Pfad zu gehen, ist Entsagung notwendig und obligatorisch. Doch für einen fortgeschrittenen Sucher ist Entsagung nicht notwendig. Wenn jemand an der Schwelle zur Verwirklichung steht oder ungeheuren Fortschritt im inneren Leben geacht, nimmt Entsagung einen andere Form für ihn an. Er entsagt nun nicht mehr, sondern versucht zu transformieren. Wenn er Angst in der Welt oder in sich selbst spürt, entsagt er dieser Angst nicht, sondern transformiert sie mit seinem inneren Licht und seiner Weisheit in Mut. Wenn er den Zweifel der Welt oder seinen eigenen Zweifel sieht, transformiert er ihn mit seinem inneren Licht in Vertrauen. Und wenn er Zweifel in Vertrauen transformiert, ist dieses Vertrauen der auf ewig sonnenerleuchtete Pfad zum höchsten Jenseits. An diesem Punkt bedeutet Entsagung die Transformation unseres erdgebundenen Bewusstseins zum Himmel-freien Bewusstsein. Die stechenden Schmerzen und Entbehrungen der Erde werden in die grenzenlose Glückseligkeit des Himmels transformiert. Unwissenheit wird in göttliche Weisheit transformiert, Dunkelheit in Licht, Unvollkommenheit in Vollkommenheit und menschliche Fesseln in transzendentale Befreiung.