Das Bewusstsein des Körpers

Wenn wir im Körper leben, ist oft alles eine große Verwirrung. Wenn wir in der Seele leben, ist alles Erleuchtung. Der Körper ist noch unerleuchtet, unentwickelt und auch nicht sehr fortschrittlich. Deshalb herrscht überall Verwirrung.

Wir sollten dem physischen Körper nie verhaftet sein. Ebenso sollten wir den physischen Körper nie verachten. Wenn wir dem Körper verhaftet sind, werden wir unweigerlich von den Fesseln des Unwissens gebunden, und wir verlieren uns im Schlamm der Knechtschaft. Wenn wir den Körper, das physische Bewusstsein verachten, werden wir hier auf der Erde nie voll und ganz erfüllt. Es ist hier auf der Erde, wo wir die Wahrheit verwirklichen, die Wahrheit erfüllen und die Wahrheit manifestieren müssen.

Wenn das physische Bewusstsein versucht, die Wahrheit zu sehen, sieht es die Wahrheit gewöhnlich mit großer Furcht, voller Angst und Zittern. Wenn die menschliche Lebenskraft versucht, sich der Wahrheit zu nähern, will sie die Wahrheit gewaltsam sehen, ganz gleich wie, erbarmungslos, ohne Geduld. Wenn der Verstand die Wahrheit sehen will, betrachtet er sie voller Verdacht, Zweifel, innerem Aufruhr, Ängstlichkeit und Sorge. Und wenn das Herz die Wahrheit sehen will, sieht es sie oft mit Freude, Wonne und seelenvollem Gebet.

Als Individuum bin ich stolz auf diesen physischen Körper. Alles, was ich habe und was ich bin, ist mein Körper. Der Körper ist das einzige, was ich der ganzen Welt vorzuzeigen habe. Wenn ich glaube, mein Körper sei das Einzige, was ich bin, so bin ich meilenweit von meiner Verwirklichung, geschweige denn von der Enthüllung meines Selbst entfernt. Wenn der Körper das einzige ist, was ich mein eigen nennen kann, so gehören auch Versuchung, Sinnes-Vergnügen, Frustration und Zerstörung zu mir.

Erst wenn ich sagen kann, die Seele gehöre mir, erst wenn ich eins, untrennbar eins mit der Existenz meiner Seele werde, kann ich den Zweck meines Lebens, das Ziel meines Lebens sehen: Warum ich hierher gekommen bin, wie notwendig ich für Gott bin und welche Arbeit Er auf der Erde durch mich tun wird. Wenn ich auf der Erde lebe, so nicht deshalb, weil andere hier leben. Viele Menschen leben auf der Erde. Ich lebe nur deshalb auf der Erde, weil ich hier ein besonderes Ziel, eine Mission zu erfüllen habe. Jeder Mensch sollte fühlen, dass er oder sie etwas Besonderes anzubieten hat, und diese Botschaft muss direkt von der Seele kommen und in das physische Bewusstsein eindringen.

Als Individuum, als unerleuchtetes Individuum, prahle ich, rühme ich mich und sage: „Ich besitze ungeheure Kraft.“ Doch wenn mich eine unbedeutende Ameise beißt, ärgere ich mich und rege mich auf. Wenn mich eine südländische Mücke sticht, werde ich gleich zu einem rasenden Irren. Eine einzige Mücke hat mein inneres Gleichgewicht gestört. Ich habe die Kraft, Hunderte und Tausende von Mücken zu zerstören. Aber wenn ich von einer Mücke gestochen werde, bin ich völlig verloren. Eine einzige Mücke hat meinem Körper sein ganzes Gleichgewicht und seine ganze innere Kraft geraubt; von einer winzigen Mücke oder Ameise werde ich besiegt. Warum? Weil ich im Körper lebe.

Wenn ich in der Seele lebe, wenn sich mein Bewusstsein mit der Seele, der Quelle von Licht und Wonne, völlig vereint, dann können mich Mücken stechen und Ameisen zwicken, die ganze Welt kann mich wie eine giftige Schlange beißen – aber ich werde mich nicht stören lassen. Ich werde im Meer der Ruhe und der Stille verweilen.

Normalerweise kämpfen der Körper, die menschliche Lebenskraft und der Verstand miteinander. Sie streiten, sie kämpfen und hören nie auf einander. Aber wenn die Seele sie darum bittet, etwas zu tun, vereinigen sie sich sofort und lehnen das Angebot, das göttliche Angebot der Seele, einmütig ab. Wenn die Seele – jedem einzelnen oder allen gemeinsam – Licht anbieten will, inneres Licht, so werden Körper, Lebenskraft und Verstand für diesen einen Augenblick unzertrennlich. Geschlossen weisen sie das Licht der Seele ab. Durch ihre Unwissenheit verneinen sie spirituell gesehen ihre eigenen inneren Möglichkeiten.

Atmanam rathinam viddhi shariram rathameya tu. In der Katha Upanishade, einer der erhabensten und bekanntesten Upanishaden, lernen wir, dass die Seele der Herr ist, der Körper der Kriegswagen, der Intellekt – oder vielleicht sollten wir eher sagen, die Fähigkeit zu begründen – der Wagenlenker und der Verstand die Zügel. Nun, wir brauchen einen Herrn. Wir brauchen sicher ein Pferd, die dynamische Energie des Gefährts, aber wir brauchen auch die Zügel, um das Pferd zu kontrollieren, was wir mit Hilfe des Verstandes tun. Alle diese Teile brauchen wir, um unserer Reise zu beenden und zu erfüllen.

Wenn wir nicht ins spirituelle Leben eintreten, wenn wir dem inneren Leben keine Beachtung schenken, dann kann sich der Körper nicht anders als ein verrückter Elefant benehmen, der alles um uns niedertrampelt. Derselbe Körper jedoch will in Wirklichkeit seine Vorgesetzten, das Herz und die Seele, respektieren. Er will ein vollkommenes Instrument sein. Das bewusste Einssein mit etwas Höherem allein kann den Körper fühlen lassen, wofür er wirklich da ist, wie viel von seiner inneren Fähigkeit er in der äußeren Welt der Manifestation anwenden kann. Entweder schenken wir dem Körper zuviel Beachtung oder wir schenken im überhaupt keine Beachtung. Hier begehen wir einen großen Fehler. Wenn wir den Körper nur zur Sinnes-Freude gebrauchen, nur um zu gelüsten und zu genießen, dann missbrauchen wir den Körper. Wir schenken der Seele keine Beachtung. An dieser Stelle können wir uns den großen spirituellen Meister und Yogi Ramana Maharshi in Erinnerung rufen: „Warum schenkst du dem Körper soviel Aufmerksamkeit? Betrachte ihn als ein Bananenblatt. Du isst dein Mahl, das auf dem Bananenblatt angerichtet ist, und wenn du gegessen hast, wirfst du das Bananenblatt einfach weg. Es hat seine Rolle gespielt.“ Wenn wir die Wahrheit jedoch von einer anderen Seite her betrachten, sehen wir, dass wir uns dem Körper zwar nicht verhaftet fühlen, wenn wir ihn ohne weiteres wegwerfen und ihm keine Beachtung schenken; doch wie kann die Manifestation hier auf der Erde stattfinden, wenn wir den Körper nur als Hülle der Seele betrachten und wie ein Bananenblatt wegwerfen?

Die höchste Wahrheit kann nur hier auf der Erde verwirklicht werden. Gottentdeckung und Selbstverwirklichung können ausschließlich hier auf der Erde stattfinden. Die Seele befindet sich im Körper. Das Licht der Seele muss zum Vorschein kommen und mein dunkles, unerleuchtetes und ungöttliches Bewusstsein erleuchten. Erst wenn mein äußeres Bewusstsein erleuchtet ist, verschwindet der Unterschied zwischen innen und außen. Gegenwärtig besteht eine gähnende Kluft zwischen meiner inneren Verwirklichung und Erleuchtung und meiner äußeren Manifestation. Wir bleiben solange unvollendet, bis die innere Verwirklichung und die Manifestation im äußeren Leben zusammenpassen. Wir betrachten deshalb den Körper am besten als die Welt der Manifestation und die Seele als die Welt der Verwirklichung. Zuerst müssen wir verwirklichen, dann müssen wir manifestieren. Was können wir manifestieren, wenn wir die Wahrheit nicht verwirklicht haben? Und die Wahrheit ist ebenfalls unvollendet, wenn wir etwas verwirklicht haben, es jedoch nicht manifestieren können.

Jeder Sucher, jeder Strebende weiß, das es zwei Arten von Bewusstsein gibt: das endliche und das unendliche. Zurzeit lebt der Körper im endlichen Bewusstsein, oder man kann auch sagen: der Körper stellt das endliche Bewusstsein dar. Die innere Göttlichkeit – oder wir können auch sagen: die Seele – stellt das unendliche Bewusstsein dar. Hier im Endlichen muss das Unendliche seine Rolle spielen. Im Äußeren sehen wir das Lied der Endlichkeit. Wir werden und wachsen aber in das Lied der Unendlichkeit.

Entweder muss das Endliche in das Unendliche eintreten oder das Unendliche muss in das Endliche eintreten. Was ist leichter: wenn der Vater zum Kind kommt oder wenn das Kind zum Vater geht? Zweifellos kann der Vater viel leichter zum Kind gelangen. Aber wann kommt der Vater zum Kind? Nur wenn das Kind ruft, wenn es danach fleht, beim Vater sein zu dürfen.

Zum Abschluss seien einige Zeilen vom größten Dichter Indiens zitiert. Rabindranath Tagore sang: „Simar majhe nashibo ...“

Im Schoße des Endlichen spielst Du Deine Melodie,
o Unendlichkeit.
Die Melodie hat mich entzückt.
Ihre Schönheit ist unvergleichlich.
In mir und durch mich manifestierst Du Deine Unendlichkeit
Darum bist Du All-Schönheit. Du benutzt das Endliche,
um Deine Schönheit auszudrücken. Du bist All-Schönheit,

Du bist All-Freude, All-Nektar, All-Wonne.