Strebsamkeit

Wie stärkt man seine Strebsamkeit oder – wie Sie zu sagen pflegen – „den Hunger nach Gott“?

Sri Chinmoy: Das Wichtigste dabei ist, den Versuch zu unternehmen, echten Hunger nach Gottes Liebe, Gottes Mitgefühl und Gottes Segen zu entwickeln. Zwei Arten gibt es, den eigenen inneren Hunger zu stärken. Die eine besteht darin, Gott so inständig anzuflehen, wie ein hilfloses Kind seine Mutter anfleht. Der andere Weg ist, die eigenen Handlungen in heiterer Haltung Gott anzutragen. Auf beiden Wegen macht der Sucher wirklichen inneren Fortschritt.


Worin besteht der Unterschied zwischen unseren Wünschen und Strebsamkeit?

Sri Chinmoy: Wünsche sind heftige Feuer, die immerzu brennen und uns schließlich verzehren. Strebsamkeit ist eine glühende Flamme, die unser Bewusstsein auf heimliche und heilige Art emporhebt und uns am Ende befreit. Strebsamkeit ist Durst nach dem Höchsten. Durst nach dem Niedrigsten ist Vernichtung. Wünsche sind Erwartungen. Keine Erwartungen, keine Enttäuschungen. Sind unsere Wünsche vernichtet, ist wahres Glück errichtet. Strebsamkeit ist Überantwortung. Überantwortung ist des Menschen bewusstes Einssein mit dem Willen Gottes.


Wie können wir die uns äußerlich verfügbare Zeit am besten nutzen, um unsere innere Strebsamkeit zu stärken?

Sri Chinmoy: Sie sind doch ein Sucher. Wenn Sie beten, sich konzentrieren und meditieren, müssen Sie das Gefühl haben, jede Sekunde sei unendlich viel wichtiger, als Sie es seinerzeit, d.h. bevor Sie dem spirituellen Leben zugetan waren, je für möglich gehalten hätten. Diese Sekunde können Sie entweder dazu nutzen, zu meditieren oder aber zu tratschen oder gar unreinen und ungöttlichen Gedanken nachzuhängen.


Gibt es einen speziellen Weg, Verwirklichung schneller zu erreichen?

Sri Chinmoy: Ja, einen solchen Weg gibt es, man nennt ihn bewusste Strebsamkeit. Gott muss an erster Stelle stehen. Strebsamkeit, das innere Flehen, sollte aus dem Körperlichen, dem Vitalen, dem Verstand, dem Herzen und der Seele kommen. Freilich – die Seele war die ganze Zeit über strebsam, doch das körperliche, vitale, mentale und psychische Wesen in uns – sie alle müssen sich dessen bewusst gewahr werden. Wenn wir in allen Teilen unseres Wesens bewusst strebsam sind, können wir das Erringen der Befreiung vorverlegen.


Wie strebt man eigentlich?

Sri Chinmoy: Wir streben durch Konzentration im eigentlichen Sinne, durch Meditation im eigentlichen Sinne und durch Kontemplation im eigentlichen Sinne. Strebsamkeit umfasst sowohl Meditation als auch Gebet. Im Westen gab es viele Heilige, die sich für Meditation nicht interessierten; sie verwirklichten Gott durch Beten. Wer betet, spürt, dass er innerlich darum fleht, Gott zu verwirklichen, und wer meditiert, spürt gleichermaßen die Notwendigkeit, Gottes Bewusstsein direkt im eigenen Wesen zu verankern. Der Unterschied zwischen Gebet und Meditation besteht in Folgendem: Wenn ich bete, spreche ich und Gott hört zu; und wenn ich meditiere, spricht Gott und ich höre zu.


Weitere Antworten Sri Chinmoys auf Fragen zum Thema Strebsamkeit finden Sie auf der Website Freude und Meditation.