Glaube und Zweifel

Entsteht Glaube spontan oder durch Anstrengung?

Sri Chinmoy: Glaube entsteht spontan. Glaube entsteht durch Anstrengung. Ein aufrichtiger und ergebener Sucher, der im spirituellen Leben vorangekommen ist, kann und wird spontan glauben. Glaube auf der Basis persönlicher Anstrengung – ohne göttliche Gnade und Gottes bedingungslosen Schutz – kann unmöglich so wirkungsvoll wie spontaner Glaube sein.
Auge und Ohr – das sind die beiden Sinnesorgane, die für uns wesentlich sind. Unsere Augen glauben sehr oft, wenn nicht immer, sich selbst. Unsere Ohren schenken meist anderen Glauben. Beides liegt in der Natur unserer Augen und Ohren. Das göttliche Auge aber, das dritte Auge, glaubt nur an die Vision von Göttlichkeit, und die göttlichen Ohren glauben lediglich an den wahren Kern hinter der Realität. Wenn wir der inneren Anweisung folgen, also dazu imstande sind, unserem Inneren Piloten gegenüber dauerhaften Gehorsam erwachsen zu lassen, spüren wir innerlich wie äußerlich die Präsenz spontanen Glaubens. Glaube beruht auf der Wahrhaftigkeit unseres inneren Gehorsams. Dies ist göttlicher Glaube, spontaner Glaube. Glaube durch Anstrengung beruht auf beschränktem, diszipliniertem, menschlichem Verständnis.
Glaube ist Kraft. Ein wirklicher Sucher der unendlichen Wahrheit weiß das. Ein unaufrichtiger Sucher, der nicht strebt, weiß zwar um die Wahrheit, dass Glaube Kraft ist, kann aber nicht über dieses Verständnis oder Gewahrsein hinausgehen; hingegen weiß ein aufrichtiger, wirklicher, hingebungsvoller und ergebener Sucher, dass Glaube dynamische Kraft ist, eine Kraft, die ihm ganz persönlich zur Verfügung steht.
Wir sehen etwa einen Baum. Der Baum treibt Blüten, und nur wenig später erkennt man Früchte. Die Blüte ist der Vorbote der Frucht. Im spirituellen Leben steht die Blüte für Glauben. Glaube ist ein göttlicher Engel, der als Vorbote des Erhabenen Supreme in uns auftritt.
Fehlt es uns an Glauben, können wir ihn entstehen lassen. Wie? Möglich ist dies, indem wir mit aufrichtigen, spirituellen Menschen, denen an Gott mehr gelegen ist als an Vergnügungen, Umgang pflegen. Außerdem gibt es ja Leute, denen ausschließlich an Gott im Menschen gelegen ist; auch wenn wir mit solchen Menschen zu tun haben, können wir den Glauben in uns festigen. Wenn wir von Glauben erfüllt sind, können wir in Gottes Garten voll Licht und Glückseligkeit an seiner Seite wandeln.


Warum ist es leichter, nicht zu glauben als zu glauben?

Sri Chinmoy: Nicht zu glauben ist leichter als zu glauben, weil Unglaube ein Vorgang ist, bei dem man absinkt, während Glaube ein Vorgang ist, bei dem man aufsteigt. Absinken ist leichter als Aufsteigen.
Nicht zu glauben ist leichter als zu glauben, weil Unglaube ein Vorgang ist, bei dem man etwas abbricht, und Glaube ein Vorgang ist, bei dem man etwas aufbaut. Aufbauen ist schwieriger als Abbrechen.
Nicht zu glauben ist leichter als zu glauben, weil Unglaube ein Vorgang in unserem Verstand ist, der auf sich selbst fokussiert ist, während Glaube ein Vorgang in unserem Herzen ist, das von sich selbst gibt.
Warum glauben wir nicht? Wir glauben nicht, weil wir vor dem Einssein Angst haben, Angst vor der Weite. Wir denken, dass das Einlassen auf diese Weite den Verlust unserer Identität, unserer Individualität, ja sogar unserer Existenz nach sich ziehe. Doch wir vergessen die unleugbare Wahrheit, dass das Vordringen zu dieser Weite nichts Geringeres ist als die Ausdehnung unseres vergöttlichten Bewusstseins.
Auch wenn wir nicht an Gott glauben, selbst wenn wir nicht an die Wahrheit glauben, bleibt sich Gott doch treu. Dann geschieht aber, dass wir Unwissenheit die Gelegenheit geben, uns mit noch mehr Macht und noch vollständiger einzuwickeln. Glauben wir aber an Gott, so geben wir Gottes Mitgefühl die günstige Gelegenheit, in und durch uns mit aller Macht seine Wirkung zu entfalten.
Je tiefer wir ins spirituelle Leben eindringen, desto mehr werden wir dessen gewahr, wozu Unglaube und Glaube fähig sind. Unglaube ist nichts Geringeres als Zerstörung. Glaube ist nichts Geringeres als eine neue Schöpfung. Sooft wir an etwas glauben, erblicken wir das Gesicht eines neuen Schöpfers in und um uns. Und sobald wir einen Schritt weitergehen, wenn also unser inneres Vertrauen weithin ausstrahlt, dann erkennen wir den vollkommen gewordenen Menschen und die befreite Seele in uns.


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